Marketing in 2026

Michael Simons

2026-03-28

Ich war niemals besonders groß im Marketing, weder hinsichtlich der “Personal Brand” noch meiner kleinen und großen Libraries und Projekte. Natürliche halte ich hin- und wieder Vorträge und offensichtlich habe ich ein schreibendes Sendungsbewusstsein, sonst würde ich nicht seit 20 Jahren den Blog info.michael-simons.eu[1] neben anderen Projekten betreiben. Der Fokus dieser Aktivitäten war und ist allerdings zu jeder Zeit eher die Technik, konkrete Probleme und Lösungen derselben oder reale Anwendungszehnarien der betrachteten Technologie gewesen. Letzten Endes im Einklang mit den Qualitäten meiner Produkte selber: Funktionalität, Nutzen und Stabilität.

Von der Community—Java Champions, AtomicJar und anderen—wurde ich ausgezeichnet und darf mich Java Champion respektive Community Champion nennen. Darüber bin ich ein bisschen stolz, gerade weil ich dieses Ziel mit meinen Aktivitäten nie explizit verfolgt habe. Scheinbar kann eine Personal-Brand auch langsam und mit Inhalt aufgebaut werden.

Schaue ich hingegen in den letzten Jahre auf LinkedIn und andere Plattformen mache ich alles falsch, was ich falsch machen kann und dann noch ein bisschen mehr. Weder veröffentliche ich täglich neuen Content, noch aktualisiere ich mein Profil vor jedem Networkingevent, die ich auch nur noch sehr spezifisch besuche. Ich schreibe nicht jedem neuen Kontakt unaufgefordert eine “Introductory message” und setze nicht auf Click- und Ragebait.

Ich bin hin- und hergerissen, ob es den dort regelmäßig veröffentlichenden Personen überhaupt noch auffällt, wie sie nach außen wirken, ob es mittlerweile selbstironisch ist oder ob wir mittlerweile in einer Zeit angekommen sind, in dem diese Form der Selbstverwirklichung- und Vermarktung das höchste Ziel ist?

Einige Aktivitäten, zum Beispiel der wunderbare Chief Slop Officer[2] von Daniel[3] oder der LinkedIn-Speak-Translator von Kagi[4] machen mir latent Hoffnung, dass es mehr als nur wenige Menschen gibt, denen diese spezielle Variante der Performance-Kunst auffällt.

Im Grunde genommen sollte ich mich zurückhalten und mir sagen “Was kümmert es mich?” und es hat auch lange funktioniert, den gröbsten Unfug zu ignorieren. Seit ca. 2 Jahren jedoch gibt es, selbstverständlich auch außerhalb nur eines “sozialen” Netzwerkes, die “Kirche der KI”, wie ein Kollege und ich sie mehr oder weniger liebevoll nennen. Priester, Missionare und laute Schreihälse, die ganz im Sinne von Ayn Rand “move fast and break things”, lauter und ostentativer den je durch die Gegend rennen und allen, die es hören wollen oder nicht, ihre persönliche Heilsbringung der neuen Art Softwareentwicklung verkaufen wollen. Seitdem ich 2025 darüber philosophiert habe, ob KI verschlafen werden kann[5], ist es nur noch schlimmer geworden. Vermutlich bin ich nur wütend auf mich selber, das auch mit fast 50 Jahren die eigene Unsicherheit über meine eigenen Fähigkeiten nicht verschwindet und mich die Heilsversprechen dieses Kultes treffen, selbst wenn ich mich mittlerweile regelmässig selber überzeuge, was Tools können und was nicht.

Ich will nicht weiter an dieser Stelle auf KI eingehen, sondern bei dem nach außen propagiertem Eindruck bleiben. Wollen wir wirklich so gegenüber unseren jetzigen Kolleginnen und Kollegen auftreten? Wollen wir den nachfolgenden Generationen von Softwareentwicklerinnen das Bild vermitteln, dass Content-Creation alles ist? Dass das Ziel das Entscheidende ist, jede Aktivität direkt mit verwertbarem Ergebnis gekoppelt sein muss und nicht mehr der Weg und gesammelte Erfahrungen und Wissen ein Schatz ist, von dem lange gezehrt werden kann?

Meine ganz persönlichen Vorbilder an dieser Stelle sind übrigens Lukas Eder[6] und Axel Fontaine[7]. Lukas entwickelt seit über 18 Jahren jOOQ[8] und scheint davon gut leben zu können, ohne “aber hast Du mal jOOQ ausprobiert Attitude”. Das Produkt hat so überzeugte Anhänger, dass andere Menschen das für ihn machen, inklusiver meiner Wenigkeit in etlichen Vorträgen[9]. Wie toll ist das? Und Axel ist der ursprüngliche Autor von Flyway[10], das er 2019 erfolgreich an RedGate verkauft hat. Natürlich hat er auch Marketing gemacht, aber auch hier: mit guter Qualität und Funktionalität. Marco Behler und er haben sehr ausführlich und hörenswert in “The Marco Show” darüber gesprochen: Flyway: From Open Source Side Project to Multimillion Exit[11].

Mein Tag fing heute übrigens sehr ruhig an. Queen haben im März 2026 einen neuen Mix ihres Albums Queen II von 1974 veröffentlicht. Die CD kam zwar gestern schon an, aber ich war zu sehr mit handgeschriebenem Code beschäftigt, als dass ich Muße gehabt hätte, sie zu hören und habe das heute Morgen mit Kaffee und Ruhe nachgeholt. Zum Glück habe ich weder die LinkedIn-App auf dem Handy, noch die Zugangsdaten für den Account und konnte meiner “Audience” diesen Inhalt ersparen:

Nichts geht über einen Samstagmorgen mit einer frischen Perspektive. ☕️✨

Ich habe meinen Morgen damit verbracht, in eine “neue” CD einzutauchen – ein Meisterwerk von vor 50 Jahren. Es ist eine eindringliche Erinnerung daran, dass wahre Qualität und Innovation zeitlos sind. 💿

Sich die Zeit zu nehmen, langsamer zu werden, einen Kaffee zu genießen und die Klassiker zu schätzen, ist meine Art, mich für die kommende Woche aufzuladen. 🚀

Was beflügelt Ihre Inspiration an diesem Wochenende? Lassen Sie uns in den Kommentaren in Kontakt treten! 👇

#Achtsamkeit #KontinuierlichesLernen #ZeitloseKlassiker #Samstagsstimmung #Führungsmentalität

Sorry, aber das bin ich nicht. Ich möchte authentisch bleiben, mit allen Ecken und Kanten, aber nicht mit diesem Unfug. Abschließend hilft es vielleicht, mal einen Standpunktwechsel vorzunehmen: Natürlich, “Software is eating the world”, aber der Rest der Welt—und das ist überraschend viel—wird endgültig auseinanderfallen, wenn die Menschen in Non-Bullshit-Jobs sich auch entscheiden, nur noch über ihre Arbeit auf LinkedIn zu posten: “Demütig und geehrt teile ich mit, dass ich als engagierte Fachkraft im Gesundheitswesen heute über mich hinausgewachsen bin und erhebliche Überstunden geleistet habe, um meinen Patienten erstklassige Versorgung zu bieten. 🩺✨ Es geht nicht nur um die Stunden; es geht um die Wirkung und das Engagement für Exzellenz bei den Patientenergebnissen.” Mal im Ernst: Ich bin überzeugt davon, dass normale Menschen uns und unser Umfeld für komplett bescheuert erklären werden, wenn sie wüssten, was einige von uns täglich veröffentlichen.

Links

1 info.michael-simons.eu https://info.michael-simons.eu/
2 Chief Slop Officer https://chiefslopofficer.de
3 Daniel https://danielwestheide.com
4 LinkedIn-Speak-Translator von Kagi https://translate.kagi.com/?from=en&to=linkedin
5 ob KI verschlafen werden kann https://michael-simons.eu/p/kann-ki-verschlafen-werden.html
6 Lukas Eder https://www.linkedin.com/in/lukaseder
7 Axel Fontaine https://www.linkedin.com/in/axel-fontaine-sprinters-sh/
8 jOOQ https://www.jooq.org
9 Vorträgen https://speakerdeck.com/michaelsimons/live-with-your-sql-fetish-and-choose-the-right-tool-for-the-job
10 Flyway https://github.com/flyway/flyway
11 Flyway: From Open Source Side Project to Multimillion Exit https://www.youtube.com/watch?v=lwF2fg1fOHk