Beschäftigungstherapie in einer sinnentleerten Welt

Michael Simons

2026-05-02

Auf der JCON 2026 hörte ich einen Vortrag “A Developer’s Search for Meaning: Thriving as AI Transforms Our World”, von Elma und Markus Westgren und mein erster Gedanke war, dass klingt wie mein Text “Running free… a developers story of development”, den ich 2020 eigentlich als Vortrag auf der dev.next Konferenz in den USA halten sollte, bevor die COVID-19 Pandemie dazwischen kam.

Vieles aus dem Vortrag der Westgrens habe ich damals bereits aufgeschrieben: “Wir sind nicht nur Entwickler”. 2018 bis 2022 waren Konferenzen und Code, Code, Code auf einem Höhepunkt, zumindest war das mein Eindruck. Das Thema “Craftsmanship” war ganz groß. Ich selber? Ich war noch immer vom positiven Eindruck meines damaligen und aktuellen Arbeitgebers Neo4j beseelt und war froh, eine Gruppe von Menschen getroffen zu haben, in der gemeinsam gearbeitet wurde, denn damals wie heute galt, ich bin nicht

All diese Dinge können gut sein, das eigene Selbstwertgefühl heben, sogar sinnstiftend sein, aber sie sollten nicht identitätsstiftend sein. Darüber habe ich damals auch geschrieben und 2020 klang das so:

Aus dieser Liste würde ich stand heute definitiv die sportlichen Dinge streichen, obwohl ich sie nach wie vor gerne und häufig betreibe. Lesen und Schreiben im Zeitalter von Texten die mit künstlicher Intelligenz generiert werden: Ja, das sehe ich mehr denn je auch als Identität an.

Was ist meine Identität? Ich bin ein weißer Mann, mittleren Alters, der versucht—frei nach den Antilopen—sich treu dabei zu bleiben, sich niemals treu bleiben:

Du wurdest ohne Attribute in die Welt geworfen
bist dann du selbst geworden, völlig verwelkt gestorben
Deine Überzeugung’n wurden zehnmal überholt
Ich halt’ es da mit Herbert, Stillstand ist der Tod
Und nach dem Tod kommt nichts, nicht mal ein Vakuum
In den letzten Jahr’n festgefahr’n, schade drum
Bitte, was soll das heißen, sich selber treu zu bleiben?
Stehenbleiben, Fehler leugnen, niemals Reue zeigen
Ich lasse all die schön’n Widersprüche fortwähren
Und bevor ich sinke, werd’ ich alles über Bord werfen
Ich bin fehlerhaft, ich bin ’ne Katastrophe
Aber anstatt steh’nzubleiben, lieber mal falsch abgebogen

— Antilopen Gang: Nichts für immer

Sport ist Beschäftigung, Entspannung und vielleicht, ein kleines bisschen Sinn. Zum Glück schrieb ich damals nicht, dass Laufen oder Fahrradfahren meine Therapie ist. Ich ließ es bei Meditation, sonst würde ich mich jetzt noch schlechter fühlen. Nur Therapie ist Therapie. 2020 schrieb ich ursprünglich “Es braucht nicht viel zum Laufen” und auch über Gamification durch Apps wie Strava. Mir war damals schon bewusst, dass diese virtuellen Medaillen und die Kudos mir viel an äußerer “Wertschätzung” und “Wertempfinden” gaben, aber mir war nicht klar, wie lange ich brauchen würde, um wieder von diesem Dopamin-Kick runterzukommen. Es hat bis Ende 2025 gedauert, dass ich mich wieder primär darum sorge, mich stärker und gesünder zu fühlen, Widerstandskraft aufzubauen und durch “Draußen sein”, meinen Fokus und Gedanken aufzuräumen und weniger daran denke, was ich irgendwo posten muss.

Zurück zum Vortrag, und ich verspreche, ich bringe beide Themen hier noch zusammen. Markus und Elma sprachen über die unterschiedlichen Arten, wie Menschen in der IT-Branche die Veränderungen durch KI und “Agentic-Coding” annehmen und ein Satz blieb so hart bei mir hängen, dass ich am Ende des Vortrags nicht umhin kam, persönliches Feedback zu geben: “Those who embrace agentic AI at work are much less concerned about Job-Safety than the sceptical ones”: Die Entwickler:innen, die sich in die neue Welt hineinwerfen, wären selbstsicherer als alle anderen. Wow.

Der Dunning-Kruger-Effekt ist real, es ist einfach, alle negativen Aspekte dieser neuen Werkzeuge, angefangen bei allen ethischen Problemen bis hin zu den negativen Auswirkungen auf das eigene kognitive System zu ignorieren und seine Dopamin-Sucht durch immer mehr und mehr Code und Bestätigung durch den “Assistenten” zu befriedigen. Das ist kaum anders als “noch eine Challenge, noch ein Badge” oder mehr Engagement auf LinkedIn oder anderen Plattformen.

Der zweite Gedanke: Survivorship Bias. Natürlich wird die aktuelle Welle eine Zeitlang tragen und natürlich kann ich hoch surfen, aber am Ende bin ich auch nur eine Resource. 2026 stellen viele Arbeiter:innen in der Datenverarbeitungs-Branche fest, dass auch sie “nur” genau das sind. Angestellte und abhängig arbeitende Menschen. Eine schwerere Krankheit, eine Entlassung wegen Automatisierung durch KI oder ähnlichem entfernt von Armut. Nach Jahrzehnten gefühlter Unantastbarkeit scheint nun diese Branche die erste zu sein, die sich, wie Matthias Wolf richtig feststellt, mit Begeisterung selber abschafft. Auch richtig ist, dass der Kampf der Arbeitgeber, IT-Arbeitsplätze—wie so viele andere vorher—in Niedriglohnländer zu verlagern, nicht neu ist.

Die Startbahn, um wieder auf die Füße zukommen, ist in der Regel in Deutschland zwischen 6 und 24 Monate lang. Das ist die Zeit, in der Arbeitslosengeld I gezahlt wird, in Abhängigkeit von Beschäftigungsdauer und Alter. Hinzu kommen private Ersparnisse. Sechs Jahre, zwei Kriege und eine im besten Fall als “konservativ” zu bezeichnende Regierung später fühlt sich das Sicherheitsnetz in Deutschland bei weitem nicht mehr so stabil an wie ich noch 2020 dachte.

Während der eigentliche Sozialstaat abgebaut wird, gibt es übrigens interessanterweise wieder und wieder Unterstützung für unterschiedlichste Gruppen: Tankrabatte, Energie- und Heizkostenzuschüsse und andere Dinge, die den restlichen Status-Quo beibehalten. Michel Friedman schreibt darüber sehr spannend in “Schlaraffenland Abgebrannt”.

Der letzte Gedanke: Vielleicht bin ich in der Gruppe der Skeptiker einfach reflektierter? Mein Job wird nicht signifikant anders durch den Einsatz von KI-Werkzeugen, zumindest nicht in der Hinsicht, dass er im kapitalistischen Weltbild eine Kostenstelle ist und jemand anders ohne ihn eine höhere Marge hätte.

Elma Westergren ist zertifizierte Ergotherapeutin:

Die Ergotherapie (von altgriechisch ἔργον érgon, deutsch ‚Werk‘, ‚Arbeit‘, und von “Therapie” von θεραπεία therapeía, deutsch ‚Dienst‘, ‚Behandlung‘) ist eine Therapieform, die Menschen jedes Alters unterstützt und begleitet, um ihre täglichen Lebens- und Arbeitsfähigkeiten trotz krankheits-, verletzungs- oder behinderungsbedingter Einschränkungen zu erhalten oder zu verbessern.

Wikipedia zu Ergotherapie

Mir war bis dato nicht klar, dass Ergotherapie im englischen Occupational therapy heißt und damit viel direkter die Nähe zum Beruf, Berufung oder halt Beschäftigung ausdrückt. Nun ist das Wort “Beschäftigung” im Deutschen wunderbar vielschichtig, das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache listet unter anderem folgende Punkte:

Hobbies und einfach Dinge tun, weil sie Spaß und Freude machen, kommen nur in einem Punkt vor, Abwechslung, Zeitvertreib und Zerstreuung sind nur als bedeutungsverwandt aufgeführt.

Die sechs Säulen der Ergotherapie “Betätigungsbasierung”, “Kontextbasierung”, “Klientenzentrierung” und “Evidenzbasierung” sowie “Technologiebasierung” und “Populationsbasierung” funktionieren in gewissen Rahmen auch im Rahmen der Änderungen in meinem Berufsfeld: Die Arbeit besteht weiterhin in der Entwicklung von Projekten und Produkten, meine Expertise wird weiterhin gebraucht, um zum Beispiel Agenten zu überwachen oder technische Anforderungen zu kommunizieren, neue Tools und Frameworks können generiert oder geschrieben werden, um Agenten “sinnvoll” einzusetzen.1

Ändert es etwas grundsätzlich an der Tatsache, dass die IT im Klassenkampf angekommen ist? Sicherlich nicht. Der Ansatz wird einigen Menschen in den kommenden Jahren helfen, aber bestimmt nicht allen. Der Aufruf, zu Konferenzen zu gehen, “Communities” zu diesen Themen zu bilden wirkt bizarr. Die Community, die es braucht, sind Gewerkschaften2.

Wenig überraschend denke ich immer noch: “Mir kann doch nichts passieren”. In über 20 Jahren Erfahrung in der IT-Branche hat mir die Position zwischen den Menschen mit den Anwendungsfällen und dem eigentlichen Produkt am meisten Spaß gemacht: Bedürfnisse verstehen und in technische Anforderungen “übersetzen”. Technische Beschränkungen vermitteln. Gemeinsam etwas entwickeln. Ich bin ganz ok in Kommunikation und komme vermutlich erstmal klar. Meine Frau und ich haben allerdings in 2024 aus erster Hand erlebt, dass auch das nicht hilft, wenn auf einmal ein Unternehmen “saniert” werden “muss”: egal wie gut jemand ist, wie langer das Beschäftigungsverhältnis ist, es spielt am Ende keine Rolle, die Sanierung erstmal aus “weniger Kosten” besteht.

Sechs Jahre nach meinem ursprünglichen Text ist meine Position hinsichtlich Identifikation mit Arbeit noch radikaler als damals, nicht vollkommen entfremdet, aber weder möchte ich mich dadurch identifizieren, noch meinen einzigen Wert oder Sinn daraus beziehen. Auf Mastodon wurde Marx zitiert bezüglich Entfremdung zitiert:

Ich versprach, den Bogen zu finden: Leere und Entfremdung durch reine Beschäftigungstherapie auf “sozialen” Sportplattformen zu füllen und damit am Ende doch wieder nur die Maschine zu betreiben, mehr Engagement, mehr Klicks und mehr Daten zu produzieren, erscheint mir stand heute, mehr als kontraproduktiv. Wenn es Sport sein darf, dann könnte in Betracht gezogen werden, Sportvereine abseits von in Deutschland vermarktbaren Sport zu unterstützen, lokale Veranstaltungen zu promoten und aufzubauen, Zusammenhalt zu stärken.

Wer bin ich: Ich weiß es nicht und werde es vermutlich auch bis zum Ende nicht wissen. Vertrauen in mich selber zu erhalten, mit Ambivalenz leben zu können und vielleicht die Antwort auf “Wer will ich gewesen sein?” rechtzeitig zu finden, das sind für mich durchgehend aktuelle Fragen.


  1. Auf Mastodon gab es den wunderbaren Hinweis, dass die Ergotherapie den Mensch als handelndes Wesen in den Mittelpunkt stellt und die bewusste Handlung als Hebel für positive Veränderung sieht. Das steht dem Weltbild vieler “Techbros” entgegen, die gerade Entscheidungen, Handeln und das Erschaffen von Dingen als lästige, ersetzbare Arbeit abtun und den Begriff “Agency”, auf Deutsch u.a. übrigens das Handeln, nur den Maschinen gewähren↩︎

  2. Fairerweise muss ich sagen: Ich bin in keiner, mein Arbeitgeber ist eine schwedische Firma; es gibt keine Tarifverträge, die Firma zahlt allerdings sehr gut, ändert natürlich nichts daran, dass im Zweifelsfall jeder für sich alleine da steht. Einen Betriebsrat gibt es ebenfalls nicht.↩︎